23 Monate Spotmarkt Einkauf als auch Einspeisung - die brutale Wahrheit
Apr 28, 2026
Der Stromrechnungs-Versuch eines Steirers: Warum mehr Photovoltaik nicht automatisch mehr spart
Ein Einfamilienhaus in der Steiermark zeichnet seit zwei Jahren jede Kilowattstunde auf. Die Ergebnisse überraschen — und werfen ein neues Licht auf die Frage, ob sich eine größere PV-Anlage wirklich rechnet.
Wer im Frühjahr 2024 in eine Photovoltaik-Anlage und einen Batteriespeicher investiert hat, wollte zwei Dinge: Unabhängigkeit vom Netz und niedrigere Stromkosten. Ein Einfamilienhaus in der Steiermark hat den Selbstversuch angetreten — und seine Zahlen ungewöhnlich sauber dokumentiert. 21.242 Kilowattstunden Verbrauch, 11.800 Kilowattstunden PV-Produktion, 4.156 Euro Stromrechnung brutto über 23 Monate. Was wie eine zufriedenstellende Bilanz aussieht, bekommt bei genauem Hinsehen eine überraschende Lesart.
Das Haus, die Anlage, der Tarif
Der Haushalt — vier Personen, zwei Erwachsene und zwei Jugendliche, 150 Quadratmeter Wohnfläche und eine Luftwärmepumpe als Hauptverbraucher im Winter — bezieht seit dem 11. Mai 2024 seinen Strom nicht mehr zu einem festen Tarif, sondern zu stündlich wechselnden Spotmarktpreisen bei der Energie Steiermark (smartENERGY Hourly). Eingespeist wird ebenfalls zum Börsenpreis. Für die Eigenproduktion sorgt eine rund 6-kWp-Anlage am Hausdach, für die Zwischenspeicherung ein 20-kWh-Batteriesystem von Lenercom im Technikraum.
Über 23 Monate protokollierte das System jeden Energieschritt im 15-Minuten-Takt. Die Datenlage ist außergewöhnlich vollständig — und ermöglicht etwas, das sonst kaum seriös geht: den Vergleich mit zwei hypothetischen Alternativen, jeweils zu exakt denselben stündlichen Marktpreisen.
Szenario eins: Was würde der Strom ohne PV kosten?
Rechnet man die gleiche Verbrauchsmenge komplett aus dem Netz zu, käme der Haushalt auf 5.345 Euro Stromrechnung statt 4.156 Euro. Die PV-Anlage hat in knapp zwei Jahren also 1.336 Euro eingespart — rund 700 Euro pro Jahr. Solide, aber keine Goldgrube. Der Grund: In einem Wärmepumpenhaushalt fällt ein Großteil des Verbrauchs im Winter an — genau dann, wenn die Sonne wenig Energie liefert.
Szenario zwei: Und was, wenn die PV doppelt so groß wäre?
Hier wird es interessant. Eine Verdopplung der PV-Produktion würde die Rechnung von 4.156 auf 3.334 Euro drücken. Das sind weitere 675 Euro Ersparnis in 23 Monaten — pro Jahr rund 350 Euro. Deutlich weniger, als die meisten erwarten.
Warum? Weil der Großteil der zusätzlich produzierten Energie — 10.734 von 11.800 Kilowattstunden — ins Netz ginge und dort zu Spotmarktpreisen vergütet wird. Und die liegen im Schnitt bei etwa fünf Cent pro Kilowattstunde. Strom, der selbst verbraucht wird, ersetzt dagegen Netzstrom zu 25 bis 30 Cent brutto. Die Wertdifferenz beträgt Faktor fünf bis sechs.
Der eigentliche Hebel steht im Keller
Die Zahlen zeigen damit eine Erkenntnis, die in der Debatte über den PV-Ausbau oft untergeht: Nicht die installierte Modulleistung entscheidet über die Wirtschaftlichkeit, sondern der Anteil des Stroms, den das Haus selbst verbraucht. Im Beobachtungszeitraum lag dieser Anteil bei 78 Prozent. Bei verdoppelter Produktion würde er auf rund 44 Prozent fallen — fast die Hälfte der teuer installierten Kilowattstunden würde zum Niedrigpreis davonfließen.
Der wirtschaftliche Hebel, heißt das, liegt nicht auf dem Dach, sondern im Keller: bei einem größeren Batteriespeicher, bei einer smarten Wärmepumpensteuerung, die auf Spotmarkt-Preissignale reagiert, bei einem E-Auto, das mittags geladen wird, oder bei einer Warmwasserbereitung, die Überschussspitzen nutzt. Jede auf diese Weise in den Eigenverbrauch verschobene Kilowattstunde ist sechsmal so wertvoll wie eine zusätzliche PV-Kilowattstunde.
Netz und Abgaben: der unterschätzte Block
Ein zweiter Befund aus den Daten: Der reine Energiepreis macht gerade einmal 45 Prozent der tatsächlichen Stromrechnung aus. 1.890 Euro entfallen auf Energie, weitere 2.267 Euro auf Netzentgelte, Elektrizitätsabgabe, EAG-Förderbeiträge, Grundgebühr und 20 Prozent Umsatzsteuer auf alles. Wer die Kosten senken will, darf also nicht nur auf den Börsenpreis schauen.
Ausblick: PV-Ausbau mit neuem Ziel
Im März 2026 hat der Haushalt seine PV-Anlage auf 12 kWp erweitert — die zusätzlichen Module kamen auf das Dach des Nebengebäudes. Die Begründung ist aus den eigenen Daten abgeleitet: Gemeinsam mit einem künftig geplanten E-Auto und einer optimierten Wärmepumpensteuerung soll neuer Eigenverbrauchsbedarf entstehen, damit sich der Ausbau rentiert.
Die Lehre für andere steirische Haushalte, die gerade überlegen, aufzurüsten: Mehr Module bringen finanziell wenig, wenn nicht gleichzeitig der Eigenverbrauch wächst. Wer das Dach belegt, ohne an der Verbrauchsseite zu schrauben, spart marginal.